dimanche 10 juin 2007

Genf

Als Stadt ist Genf so wiedersprüchlich und rätselhaft wie ein lebendiger Mensch. Ich könnte der Stadt einen Pass ausstellen. Nationalität : neutral – Geschlecht : weiblich – Alter : (die Distkretion gebietet es) wirkt jünger, als sie ist – Familienstand : getrennt lebend – Beruf : Beobachterin – Körperliche Merkmale : geht wegen Kurzsichtigkeit ein wenig vorgebeugt – Allgemeine Bemerkungen : attraktiv und verschwiegen.
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Abhängig von den Winden, unter denen die Bise und der Föhn die berüchtigsten sind, stammen die Wolken am Himmel über Genf aus Italien, Österreich, Frankreich. Sie kommen das Rheintal hoch aus Deutschland, den Niederlanden oder gar von der Ostsee. Manchmal stammen sie von weit her, aus Nordafrika oder Polen. Die Stadt Genf ist ein Schnittpunkt und dessen ist sie sich bewusst.
Über Jahrhunderte hinweg haben Reisende hier Briefe, Anweisungen, Landkarten, Listen und Botschaften zurückgelassen, damit Genf sie den später Eintreffenden übergibt.
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Wie soll man zum Beispiel eine kleine, aus einem Tischkalender gerissene Seite katalogisieren, die von Sonntag, dem 22. September, bis Samstag, dem 5. Oktober 1935, reicht ? Zwischen den Kolumnen für die beiden Wochen finden sich in der kleinen Spalte für eigene Notizen einige wenige Worte. Die Handschrift wirkt lässig, hastig und achtlos hingeworfen. Die Worte lauten auf Deutsch : Eine ganze Nacht, eine ganze Nacht und das, was auf einer Postkarte Platz hat.
Was bringt diese Leidenschaft der Stadt ein ? Sie befriedigt ihre unersättliche Neugier. Eine Neugier, die nichts – oder nur sehr wenig – mit Wissbegierde oder Klatschsucht zu tun hat. Genf ist weder eine Concièrge noch eine Richterin.
Die Stadt ist eine Beobachterin, die sich fasziniert über die Vielfalt der menschlichen Nöte und Tröstungen beugt.

John Berger
Hier, wo wir und begegnen
Hanser Verlag München Wien 2006
S. 60 ff.

1 commentaire:

Princess Haiku a dit…

I just stopped to have a look and leave my greetings. Hope all is well in your part of the world.