mercredi 30 mai 2007

Der Fliegende Berg

« Gleich neben den überwächteten Graten
des Landes Kham lagen die Berge Irlands,
ihre kahlen Höhen nicht weiter entfernt
als der letzte Gipfel unseres gemeinsamen Lebens,
der einige Windstösse lang
unsere Namen tragen sollte, bevor er
in jagenden Eiskristallschleiern wieder verschwand –»
Seite 68

« Durchnässt und fluchend waren Liam und ich
damals von unserem vergeblichen Versuch,
eine im Sturm schlagende Blechbahn zu bergen,
über die gepeitschten Weiden ins Haus zurückgekehrt,
wo ich auf drei Bildschirmen seines Arbeitszimmers
eine digitalisierte Fotografie schimmern sah
(…)
Kein Zweifel, was in dieser Wolkenkluft,
Die sich nun weiter und weiter öffnete,
So klar und gleichzeitig so entrückt
Wie durch ein umgedrehtes Fernrohr betrachtet erschien,
Das war die Wirklichkeit, die zum Abbild auf Liams Schirmen gehörte,
(…) »
Seite 277

Christoph Ransmayr
"Der Fliegende Berg"
Fischer, Frankfurt am Main, 2006

mercredi 23 mai 2007

Collective Memory



















Die Gedankenstränge um das kollektive gemeinsame Gedächtnis von Blogs geht weiter, sie tauchen durch Princess Haiku nun auch auf ihrem und auf Moon River's Blog auf.
Ausserdem hatte ich heute über skype eine Diskussion mit Selina über den Antrieb des bloggings. Ich selbst denke nach wie vor, dass es sich hier um eine Art erweitertes Tagebuch handelt, gewissermassen um kollektive Mémoiren.

{The thoughts about collective memories are spreading further, throught Princess Haiku they appear now on hers and on Moon River's blog.
Futhermore I had a discussion about the sense of blogging with my sister on skype today. I myself think still, that blogging is some kind of a larger journal, in some ways collective memory.}

jeudi 17 mai 2007

Irina Lorez: Zwilling

"Ist euch bekannt, nicht alleine zu sein, dass jemand mit euch war, aber irgendwann verloren gegangen ist, dieser Unsichtbare sich immer wieder meldet, damit er nicht vergessen wird und die Sehnsucht nach ihm weiter besteht, dass beim Nahen des Abschieds ein Abgrund sich öffnet, die Trennung schmerzhafter ist als das Fallen, dass er zu eurem Schatten wird und flattert wie eine Vogelscheuche, dass er euch die Hand reicht, wenn die Einsamkeit unerträglich ist, dass er sich euren Träumen entzieht, wenn er erkannt wird, er in unterschiedlichen Gestalten auftaucht als wäre er auch euer Geliebter, dass er euch treibt, nicht aufzugeben? Das ist der Zwilling."















Irina Lorez
Zwilling, 2006
pas-de-deux mit Mantel und Gebläse


Als verlorener Zwilling wird ein Fötus bezeichnet, der bei einer Zwillingsschwangerschaft im Mutterleib stirbt und dann von der Gebärmutter abgestossen oder resorbiert wird. Ein Vorgang, der meist unbemerkt vor sich geht. Untersuchungen zufolge soll mindestens jede achte Schwangerschaft davon betroffen sein.
Es wird behauptet, dass ein Kind aus einer solchen Schwangerschaft intensive Erinnerungen an seinen verlorenen Zwilling besitzt und während seines Lebens auf der Suche nach diesem Teil seiner Persönlichkeit ist. Jemand fehlt.
Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis für diese Hypothese.

Irina Lorez

Selina Gnos: Mein Fenster Zur Welt

Das Zimmer ist dunkel, etwas Licht, nachts, wenn ich am Computer sitze, der helle Schirm.
Ich bin schon lang nicht mehr aus dem Zimmer gegangen. Manchmal, um Zigaretten zu holen, was zu essen, Bier in der Nacht.
Meine Welt rund um mich ist klein, aber ich dringe immer stärker in sie ein.
Meine Welt ist mein Computer und meine Leute sind meine vielen Doppelgänger, mit deren Namen und Identitäten ich mich durch das Netz bewege.
Ich bin wie eine Katze, die sich herumschleicht, die sich annähert, aber sobald man sie anfassen will, geht sie weg.
Ich bin auf der Suche. Nach was. Ich bin auf der Suche nach Dir.
Ich denke mir Personen aus, die werden ein Teil von mir. Sie sind oft besser als ich, forscher, schlagfertiger, verspielter. Sie können über alles diskutieren, ich eigne mir den Jargon an, ich lese mich ein in das, was das Internet hergibt. Kopieren, Einfügen und rein ins Forum. Sperrige Themen, die mich früher nie wirklich interessierten. Mich?
Ich weiß gar nicht mehr, wer ich wirklich bin. Man hat mich selten wahrgenommen. Und wenn, dann als irgendetwas blasses, das vom Hintergrund verschluckt wird. Das von anderen übertönt wird, das im Weg herum steht. Ich weiß nicht, wer sich an mich erinnert, und wenn es ein Bild gäbe, das sich in eine Erinnerung einschreiben würde, dann wäre das sicher nicht leuchtend.
Immer mehr bin ich zurückgewichen von dem, was die anderen sind, von dem wo die anderen sind.
Ich glaube, auch Du bist nicht sehr kontaktfreudig. Auch du tummelst Dich durch alle möglichen Foren im Internet, am Abend, wenn Du nach Hause kommst. Ich bin einmal vor Deinem Haus gestanden, ich habe herausgefunden, wo Du wohnst, das Haus ist zu groß für Dich allein. Aber Du bist da an Deinem Tisch gesessen, im hellen Licht, nur Du, und Du hast glücklich gewirkt. Macht es Dir nichts aus, wenn man Dir zuschauen kann beim alleine sein?
Ich verliebe mich in Leute, die ich vom Sehen her kenne, flüchtige Begegnungen. Sie sind mein einziger Kontakt zu dem, was man Aussenwelt nennt. Aber wenn es eine Aussenwelt gäbe, dann müsste es auch eine Innenwelt geben. Ich finde nicht einmal das Innen mehr. Meine Welt ist mein Raum, mein Computer, das bisschen Licht. Und das ist weder innen noch außen. Das ist irgendwo dazwischen, auf dem Weg zu Dir.
Du weißt nicht, dass wir immer in Kontakt sind.
Damals bist Du aus Deinem Büro getreten, es war Frühling, die Luft war feucht, und es dunkelte bereits. Den ganzen Tag hatte es geregnet, die Straße glitzerte unter dem spärlichen Licht, und die Autos waren mit leuchtenden Tropfen bestreut. Nur Dein Auto war weiß, als einziges, es sah aus wie mit Schnee bedeckt. Ungläubig hast Du die Hand ausgestreckt, und bist über dieses Weiß gefahren, aber es war nicht kalt, und du wusstest nicht, ob Du erschrecken solltest, weil es nicht kalt war. Und dann hast Du nach oben geschaut, und hast den Baum erblickt, der in voller Blüte stand. Du hast gelächelt, hast Dir die Hand an Deiner Hose abgewischt, und bist ins Auto gestiegen. Ich bin mir sicher, Deine Hand roch gut. Ich stand am Fenster im dunklen Zimmer. Ich gewöhnte mich an Deine Zeiten. Stand da, am Fenster, wenn Du aus Deinem Auto ausgestiegen bist, und Dein Büro aufgesperrt hast. Und als wäre es eine Schleife, stand ich wieder da, abends, wenn Du nach draußen auf die Straße tratst.
Eine Schleife im Haar mit Blüten bestickt, eine Schleife an meiner Hand und eine an Deiner, eine Schleife im Netz, die uns verbindet, deren unzählige. Welche lösen wir zuerst, damit eine andere, eine einzige stärker wird?
Oder manchmal gingst Du auch mal für eine Zigarette raus, aber die Zigarettenpausen funktionierten nicht nach einer Uhrzeit. Das ist Dein eigenes System, Dein eigener Rhythmus, etwas vom wenigen aus Deinem Leben, das mir fern blieb, das ich mir nicht aneignen konnte.
Ich war immer in Kontakt mit Dir.
Einmal haben wir uns getroffen. Aber Du hast nicht gewusst, dass ich das bin. Einen Brief brachte ich vorbei. Ich habe gesagt, Anna schickt mich. Anna hast Du im Kinoforum kennengelernt. Anna, die Dich immerzu anstachelte wegen Deinem Rotzbubenfilmgeschmack, und die Du schlussendlich kennenlernen wolltest. Anna, die Angst hatte, sich die Finger zu verbrennen, weil sie seit Jahren in Beziehung lebt, und die stattdessen ein unscheinbares Mädchen hinschickt, um Dir einen Brief zu hinterlassen. Anna, das war auch ich. Aber ich hätte die Anna nicht spielen können. Ich hätte nicht einmal die Kleider dafür gehabt.
Du hast nichts gesagt und ich habe nichts gesagt. Und dann bin ich wieder gegangen.
Woher wusstest Du, wo ich arbeite, hast Du später Anna gefragt. Ich bin gut im Beschaffen von Information, schrieb sie zurück.
Vom Mädchen, das ihn brachte, schriebst Du nichts.
Ich bin auch der Typ aus dem Newsforum, der Dich in Deinen Meinungen immerzu unterstützte. Ich war der Junge, der Dir lästige Fragen schrieb zu Deinem Apple, den Du auf ebay versteigern wolltest. Und der Typ, der Dein Auto kaufen wollte, das war auch ich. Im Internet haben wir gemeinsam gepokert, haben uns gegenseitig abgezockt. Den Kostenvoranschlag für eine Loggia habe ich erstellen lassen. Ich war die alte Dame mit der krakeligen Handschrift, die sich so schrecklich über Dein falsches Parken aufgeregt hat, und Dir deshalb immer Zettelchen mir Drohungen an die Windschutzscheibe geklebt hat. Die Architekturabsolventin, die sich bei Dir um ein Praktikum beworben hat, das war auch ich.
Und ganz nebenbei bin ich auch das Mädchen, das Dich immer vom Fenster aus angelächelt hat, und Du hast es nie wahrgenommen.
Und morgen werde ich zu Dir kommen. Frag nicht, wer dann kommt. Ich weiß es selbst nicht. Aber frag mich anderes. Frag mich, wie die Nächte riechen, wenn es Frühling wird, frag mich nach dem Brennen des Lichtes, wenn man vier Tage nicht mehr draußen war, oder frag mich, wer Du bist. Denn das weiß ich mittlerweile viel besser, als wer ich bin.

Selina Gnos, 2007
(Selina lebt und arbeitet in Wien)

lundi 7 mai 2007

About blogging













Princess Haiku, 2.05.2007

Ich stöbere zur Zeit in verschiedenen blogs herum, besuche sie regelmässig und lese täglich einige Artikel oder schaue mich nach schönen Bildern um. Mir fällt auf, dass es ein Genre von Blogs gibt, welches sich mit einem ästhetischen Tagebuch vergleichen lässt, poetische Gedanken reihen sich an Trouvaillen aus der Bilderkiste des Web.
Fast möchte ich diese Art von Blog als einem Beitrag zum kollektiven Gedächtnis bezeichnen - interessant dabei ist auch, dass ich in den Kommentaren andere Blogger wiederfinde, deren Blog ich eben las, und denen ich vielleicht eine Nachricht hinterlassen habe, die Blogs verweisen also untereinander aufeinander und ergänzen sich so zu bestimmten Thematiken oder bilden so zusammen ein gewissens Bild der Welt.

Princess Haiku
Moon River
flowerville

mercredi 2 mai 2007

Elías' texts

It hadn’t started to dawn when the last piece of bread on the island became lava in my hands. I was roaring like an arrogant beast, showing my fangs to the sea wind, losing my temper because of the salt I was breathing.
And I went directly down to the beach, I walked with my feet raping the black dunes. And the waves were also roaring, they roared with the intention of heaping enormous quantities of dark sand in my breast, going through my skin with their anger.
I went down to the seaside with the intention of drinking the ocean. I wanted a daybreak with revenge in my lips even though I could die inebriated and unable to give birth. I went down to the shore with the intention of swallowing the sea.
But on the beach I found a jewel, a divinity made of cloth. A pagan doll that came up among my strikes against the perpetual water. I took her in my arms and then I could never after leave her.
I wish constantly that night falls and the hunger exhausts my reasoning. At dusk she becomes a light bulb, and I dance around her, flying as a hypnotised mother.

* * * *

I was here.
I was here when the snow was silencing the breast of the innocence. Those were times when words sounded with a voice like a bell and crossed the infinity searching for a skin to leave a kiss burning as a drum and to awake the expression and the breathing of the time. My hands danced in the sky, catching and freeing the heartbeats of the air.
I was here.
I was here when the earth was dreaming with fertility. Then I was a thought as music. And my dance was the heartbeats of the air.
I was here.
I was here when my body was a portrait of absence and silence. Those were days of anxious rhymes dressed with a memory just about to break the hypnosis of the winter and to fly away to a fire of bells and a dance of pendulums drawing the expression of the universe. My hands moved in the sky, gathering and enjoying the heartbeats of the air.

Elías Portela-Fernandez, 2005
(Elías comes from Galicia, Spain, and is now living in Reykjavík, Iceland)