samedi 8 décembre 2012

Arachne

Bereits als Kind hatte Arachne die Welt in ihren eigenen Händen gesehen. Die Purpurtöpfe des Vaters zogen sie an wie Honig die Bienen, sie sah wie raue Stoffe edel wurden, begriff, dass nicht Ursprung sondern Vorstellung ausschlaggebend war.
So tauchte Arachne ihre Hände in den warmen Sud ein, zog sie aus der undurchdringlichen Tiefe hervor und sah dass sie zu anderen Wesen geworden waren. Tiere und Pflanzen, Gesteine und Himmel. Finger zu Tentakeln, Handballen zu Hügeln, Nägel zu Turmalin.
Während Tagen blieben diese Bilder an ihr haften, sie roch ganze Welten in ihren Handhöhlen, sah Landschaften aus ihren verflochtenen Linien aufsteigen und wieder verschwinden.
Einer Seherin gleich verband sie im Laufe der Jahre die eigene Vorstellung mit ihrer Umgebung, liess aus gezopftem Haar Schlangen entstehen und aus Bäumen Vögel. Das Eine ergab das Andere, Luft verschmolz mit Wasser, Metall vereinte sich mit mooriger Erde.

Was ich sehe ist, sagt Arachne, und was ist, soll benannt werden, erzählt, dargestellt. Alles.

Meinst Du nicht, fragt Daphne, dass Ungesagtes nicht benannt werden will?
Bist Du sicher, flüstert Echo, dass Du Alles zeigen willst?
Was Du siehst, sagen sie, ist ungesehen.

Die Wände in Arachnes Zimmer sind bevölkert von Bildern, heimgesucht von Visionen, die Decke ist übersäht mit Punkten wie Augen und die Dielen in beständiger Bewegung wie Wasser. Die Fenster sind nicht einfach Öffnungen, sondern Bilder einer anderen Welt, Ausblick auf was sein wird, Gedanke an was gewesen ist. Zum einstigen Purpurrot kommt Bernsteingelb hinzu, Sepiabraun, Türkisblau, Smaragdgrün und Kohlenschwarz.
Arachne verwandelt Insekten in Schmuck, Moos in Teppich, Wolken in Fische, den Himmel in einen Baldachin.

Arachne sieht, und Arachne stellt dar. Arachnes Bilder schwingen sich empor, werden gesehen.

Ich habe verstanden, dass alles sein kann.
Ich habe gesehen, dass nichts ist.



«Mais lors de ces brefs moments dont je parle, c’est comme si nous voyions, soudain et de manière troublante, entre deux images. Nous tombons sur une part du visible qui ne nous était pas déstinée. Peut-être l’était-elle aux oiseaux de nuit, aux rennes, aux furets, aux anguilles, aux balaines...»
«Aber in diesen kurzen Augenblicken, von welchen ich hier spreche, ist es, also ob wir ganz unmittelbar und auf seltsame Weise zwischen zwei Bildern sehen könnten. Wir befinden uns in einem Teil des Sichtbaren, welcher nicht für uns gedacht war. Vielleicht war er es für die Nachtvögel, für die Rentiere, die Wiesel, Aale oder Walfische...»
aus: John Berger, Ouvrir une barrière; in: Pourquoi Regarder les animaux?, Editions Héros-Limite 2011 (S. 18)

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